Zur Bedeutung von Trauer

Aus aktuellen Anlass wegen des Todes eines Journalisten im Hambacher Forst poste ich hier aus dem Kapitel des Handbuchs über die Bedeutung von Emotionen, den kurzen Absatz zu Trauer.

„e.) Trauer

Trauer ist ein Ausdruck unserer wechselseitigen Verbundenheit. Im hektischen Leben vieler Aktivist*innen scheint erstmal relativ wenig Platz für diese Emotion zu sein. Trauer mehr wertzuschätzen und ihr befreiendes Potential zu erkennen, ist für viele Aktivist*innen eine Herausforderung, da die Anlässe dafür Verlusterfahrungen sind. Warum macht dann trauern noch Sinn? Oftmals geht es viel zu schnell weiter im Kampagnenrhythmus oder auf zur Wiederbesetzung.

Das Geschenk, welches Trauer uns anbietet, ist die Fähigkeit, tiefer zu sehen, wie die Dinge sind. Das Leben ist begrenzt. Wir sind hier für eine kurze Zeit. Dabei sorgt Trauer dafür, dass wir dies nicht nur als ein abstraktes Konzept in unserem Gehirn wahrnehmen, sondern zutiefst als körperliches Gefühl in unseren Knochen spüren. Für Miriam Greenspan ist Trauer ein psychospiritueller Prozess. „Wenn das konventionelle Ego beginnt, Platz zu machen, kann der Geist seine Trauerarbeit leisten. Trauerarbeit ist nicht die Wiederkehr zum Status quo vor dem Verlust. Menschen gehen nicht einfach zum ‘Normalzustand’ über, nachdem ein Kind gestorben ist oder nach irgendeinem anderen tiefgreifenden Verlust. Trauer ist nicht die Gelegenheit für ‘Loslösung’, wie im populären Sprachgebrauch, sondern für Transformation: ein komplett neues Bewusstsein von Realität, Selbst, den Geliebten und der Welt.“ Dabei gibt es beim Trauerprozess keine Abkürzung. Die Trauer bricht oft unerwartet über uns herein, durch äußerliche Verlusterlebnisse, wodurch wir die Kontrolle verlieren. Beim Betrauern eines gerodeten Waldes, des geräumten Hauses oder des verlorenen Kampfes gegen eine Abschiebung bricht das Ego im Angesicht seiner Begrenztheit auf. Wenn sich in diesem Prozess unser Herz öffnet und wir die Verbundenheit spüren, beginnt die Reise des Egos raus aus der Isolation, ironischerweise in einer Situation, in der es am meisten infrage gestellt ist. Die physische Verbundenheit weicht einer geistigen Verbundenheit, die uns transformiert.

Unverarbeitete Trauer beinhaltet eine Vielzahl von Gefahren sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft. Sie wird von Generation zu Generation weitergetragen und bewirkt, dass verschiedenste individuelle, zwischenmenschliche und soziale Leiden, die aus unverarbeiteter Trauer entstehen, weitergehen. Wir müssen einen emotionalen Ausdruck dafür finden, wenn Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer sterben oder tagtäglich eine Vielzahl von Arten ausgerottet werden. Unser größtenteils geleugneter und nicht anerkannter Schmerz über die stille Zerstörung der Erde produziert ebenfalls mehr und mehr Symptome. Dies beinhaltet das dokumentierte höhere Auftreten von Depressionen, Ängstlichkeit, Einsamkeit, Langeweile, Gewalt, Drogenmissbrauch und Malaise bei Menschen, die in unserer Zeit erwachsen werden. Davon sind Aktivist*innen nicht ausgenommen.“

Deswegen wünsche ich den Aktivist*innen im Hambacher Forst von Herzen, das sie die nötige Ruhe durch einen Räumungs- und Rodungsstopp bekommen und so ihre Forderung respektiert wird, in Frieden trauern zu können. Dies hängt maßgeblich davon ab, ob das Land NRW, Polizei und RWE zur Besinnung kommen. Deren ungeleistete Trauerarbeit allgemein ist vielleicht auch ein Faktor, warum die Menschen dort so abgestumpft funktionieren.

Lesetipp:

Greenspan, Miriam: Healing through the Dark Emotions, 2003, S. 90ff From Grief To Gratitude

 

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